WeChat – Parallelwelt in Chinas Super-App

WeChat in China

Wie fast überall auf der Welt ist auch in China kaum ein öffentliches Verkehrsmittel, eine Warteschlange oder eine sonstige Gelegenheit zu sehen, bei der nicht alle Köpfe tief gebeugt über dem Smartphone hängen. Allerdings ist in China nahezu immer dieselbe App geöffnet: WeChat.

Digitalisierung von Anfang bis Ende

Während beispielsweise in Deutschland WhatsApp oder Facebook einen großen Anteil der Fokussierung auf das kleine schwarze Display haben, ist es in China meist WeChat. Man nennt es auch oft das chinesische Facebook oder WhatsApp. Das ist so nicht ganz richtig, denn „Designed in China for China“ weist es völlig andere Funktionen und Konzepte auf. WeChat ist Kommunikationstool (Messaging, Calls, Social Sharing, Offizielle Accounts als „Mini Websites“), Bezahlsystem (Scan & Pay, Überweisungen, Spenden..), Public Service (Arzttermine, Visa, Heat Maps…) und Angebote von Third-Parties (Zug- und Flugtickets, Food Delivery, …).

China WeChat Nutzung
Quelle: chinainternetwatch.com, china-digital-insights 2018

Ganz zu schweigen von der sich rasant ausweitenden Integration der sogenannten Mini Programme – das komplette Ecosystem, alles ist in dieser Super-App verfügbar und vereint. Es wird daher inzwischen als das „operating system of the connected China“ bezeichnet. (vgl. Fabernovel, WeChat shape of the connected China). Ohne WeChat wäre China nicht China.

Was sind Mini Programme?

Hier wird oft die Erklärung „eine App in der App“ genutzt. Doch auch das ist nicht ganz richtig. Ein Mini Programm hat ein eigenes Ecosystem und einen ganz spezifisch entwickelten Zweck. Gelauncht 2017 und zuerst mit kritischen Augen und wenig Erfolg belohnt, sind Mini Programme nur ein Jahr später in aller Munde und auf eine Zahl von weit über 1 Millionen gestiegen. WeChat fungiert also als eine Art App-Store und bietet zugleich die Integration des kompletten WeChat-Ökosystems.

Viel kleiner und spezifischer als eine App, viel schneller im Download, keine Updates (bzw. es wird immer die gerade aktuellste Version geladen), auf den Punkt programmiert, aber verknüpft und integriert – ein Konzept, bei dem App-Entwickler umdenken müssen.

Mc Donald’s ist in China damit erfolgreich. Das Unternehmen bietet 5 Mini Programme statt einer App:  Birthday Club, Order in Store, Gift Cards, Delivery – ja, Mc Donald’s bietet einen Lieferservice in China – für jede User Story gibt es ein eigenes Mini Programm.

Selbstverständlich geht es also auch um’s Geschäfte machen. Zusammen mit den Mini Programmen eröffnen sich (für uns Westler neue) völlig andere Szenarien. WeChat ist an jedem Punkt der Customer Journey integriert und ist Teil jeder erfolgreichen Omnichannel-Strategie. Ob B2C oder B2B, eine Betreuung des Kunden ohne WeChat ist undenkbar.

WeChat als der zentrale Dreh- und Angelpunkt für den Alltag

WeChat kann von jedem heruntergeladen und genutzt werden, um ein Netzwerk mit Kontakten und Gruppen aufzubauen. Interessant wird es jedoch mit der Verknüpfung von WeChat und einem Konto. Meine Erfahrung mit den erweiterten Funktionen beschreibe ich gerne so: Es ist, als würde in einem Raum, wo man zunächst nur durch einen Rollladen ein paar wenige Sonnenstrahlen gesehen hat und man die Welt da draußen nur erahnen konnte, plötzlich die Sonne aufgehen.

Das verknüpfte Konto dient nämlich als Authentifizierung – keine Authentifizierung, keine berechtigte Existenz, und damit beispielsweise kein Zugang zu großen und wichtigen Gruppen und kein Zugang zum Bezahlen mit WeChat.

Straßenhändler mit WeChat-Code
Straßenhändler mit WeChat-Code

Fahrrad ausleihen? Nur mit QR-Code und per Onlinezahlung. Beim Händler an der Straße was kaufen oder gar dem Bettler Geld geben? Scan & pay. Geteilte Rechnung im Restaurant? WeChat. Jemandem „ausgelegtes“ Geld zurückgeben? Überweisung in WeChat. Jemanden zu einem Anlass Geld schenken? Virtueller Briefumschlag „rotes Paket“ in WeChat. Visitenkarten auf Messen? Quatsch, weg damit – WeChat Code scannen. Ein Ausflug am Wochenende? Organisation, Betreuung und Bezahlung über WeChat. Es regnet so massiv, dass man 5mal komplett durchgenässt in der Sprachschule sitzen würde? Kein Problem, zu Hause bleiben und kurzerhand Videosession über WeChat machen und sich parallel neue Gummistiefel online bestellen, die innerhalb von zwei Stunden geliefert werden.

WeChat ersetzt an beinahe allen Stellen unsere (westlichen) Gewohnheiten durch Angebote in seiner Parallelwelt. Bezahlen ist nur eines davon, das aber besonders in Deutschland entweder Schaudern oder große Bewunderung hervorruft.

„Smartphone is not a channel – it’s a lifestyle“

In China läuft alles über das Handy. Briefkästen, wenn es sie denn gibt, werden nicht genutzt. Rechnungen werden z. B. per SMS verschickt. Registrieren per E-Mail, nein, üblicherweise läuft alles über das Handy. Also her mit der Telefonnummer! Handynummer in den Behörden, den Banken, bei allen Online-Diensten und sonstigen Gelegenheiten.

Ein und dieselbe – privat und geschäftlich. Und meist steht als nächster Schritt dann an: Kommunikation, Service und/oder Bezahlen über das Ökosystem von WeChat. Vom Smogcheck morgens, der Büro- und Agenturkommunikation tagsüber bis zur Wochenendplanung abends – eine Parallelwelt.

Warum also auch nicht darin Lernen? Und das ist genau der Grund, weshalb wir ein eigenes Produkt für den chinesischen Markt und die darin agierenden Lernenden entworfen haben. Aus China für China. Dazu beim nächsten Mal jedoch mehr. Wer an weiteren Details zum Werdegang von Chinas größter „Everyday Mobile App“ interessiert ist, dem sei unbedingt dieser Artikel hier empfohlen: https://www.scmp.com/tech/article/2159831/how-wechat-became-chinas-everyday-mobile-app

Beiträge zur Know How! in China:

Know How! Beijing: Corporate Learning in China
China is different – aber was bedeutet das?
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