China is different – aber was bedeutet das?

Im ersten Teil unserer China-Reihe haben wir davon berichtet, dass es von überall schalmeit: China is different. Aber ist das nicht jedes Land – ganz nach dem Motto andere Länder, andere Sitten? Ja, sicherlich, doch die kulturelle Basis und die Entwicklung des Landes haben im Detail durchaus weitreichendere Unterschiede. Schon allein, dass es für die meisten großen westlichen Firmen bzw. Dienstleistungen und Produkte eine chinesische Unternehmung gibt, die oft ähnliches, aber eben nicht exakt dasselbe anbietet, zeigt dies. Da wäre beispielsweise Uber vs. Didi, WhatsApp/Facebook vs. WeChat, Amazon vs. Tabao usw. In China muss man eigene, neue eben chinesische Wege gehen, um Erfolg zu haben.

Quelle: China’s Internet Economy (paper produced by Abacus, 500 Start-ups & SCMP)

Und man muss seine deutsch-europäischen Erfahrungen an vielen Stellen hinterfragen. Ein Beispiel: Ja, Suchmaschinenoptimierung hat per se dieselben Regeln wie in der westlichen Welt und trotzdem lässt sich Baidu, der größte Suchmaschinenanbieter in China, den entscheidenden Vorsprung im Ranking bezahlen. An vielen Stellen ist man daher versucht den Kopf zu schütteln. Und man kann das tun, es ändert aber nichts. Stattdessen sollte man genau hinschauen, lernen und verstehen.

Lesen, aber insbesondere Erfahrungen fördern das Verständnis

Um die (kulturellen) Besonderheiten kennenzulernen, kann man beispielsweise Bücher lesen. Ein Klassiker und zu empfehlen: „Business-Kultur in China“ von Prof. Dr. Xiaojuan Ma und Prof. Dr. Florian Becke. Dieses und andere geben einen guten Einblick in vielerlei kulturelle Werte wie Hierarchie-Orientierung, Kollektivismus, Orientierung am sozialen Status, Flexibilität und Orientierung am Materialismus. Dass ähnlich wie bei den Werten, die den Deutschen zugeschrieben werden, diese regelmäßig hinterfragt und auf Einzelsituationen geprüft werden sollten, brauche ich ja nicht zu erwähnen.

Kenntnisse über kulturelle Werte reichen jedoch bei Weitem nicht aus. Bücher, die Eindrücke aus dem alltäglichen Leben wiedergeben, wie „Gebrauchsanweisung für China“ von Kai Strittmatter, gehören deshalb als Ergänzung in jede Bibliothek von Personen, die geschäftlich mit China zu tun haben.

Und dennoch – China muss man sehen und erleben. Und es bedarf immer wieder Gesprächen mit Chinesen, die einem Gründe oder einfach nur Realitäten verdeutlichen. Zumal die Vorurteile auch in Deutschland über China so massiv sind, wie ich es bisher noch mit keiner anderen Kultur erlebt habe. Es wird gerne übersehen, dass sich auch hier die Welt sehr schnell weiterdreht. Schneller als einem Lǎowài (umgangssprachlich für Ausländer) wohl lieb ist.

Erfahrungen im Ausland und im Alltag prägen die Lernenden

Viele Chinesen sind zwar mit einem stark behavioristisch geprägten Lernstil groß geworden, aber insbesondere junge Chinesen haben oft im Ausland studiert. Dort haben sie andere Lernstile und auch andere Kulturen kennengelernt. Das beeinflusst ihre Haltung zu internationaler Zusammenarbeit und beispielsweise ihre Erwartung ans Lernen und trotzdem sind da diese Besonderheiten, wie eine nach wie vor hohe Affinität zu extrinsischer Motivation.

Der Alltag bietet im Übrigen Erfahrungen, die einem im Geschäftsleben ebenfalls helfen können. Und im Gegensatz zu Büchern spiegeln sie etwas besser die schnellen Entwicklungen wider, denen sich die Gesellschaft unterwirft und zeigen die Einflüsse auf unsere Zielgruppe – die Lernenden.

Buntere Ästhetik

Nehmen wir als erstes Beispiel die Ästhetik. Zu sehen beispielsweise an Werbeplakaten oder auf Internetseiten.

Am auffälligsten ist wohl die deutlich verspieltere Darstellung, z. B. oft mit Hilfe von Comicfiguren. Per se können sich Grafiker hier deutlich mehr austoben – Farbverläufe, Schatten, Leuchten, gerne auch mal alles in Kombination, das gehört hier einfach dazu. Drei verschiedene Schriftfarben und mehrere Schrifttypen auf einem Plakat sind keine Seltenheit. Auf Websites im Übrigen dasselbe, hier kommen jedoch noch zig (Flash-) Animationen hinzu. 

Selbstverständlich muss irgendwo der QR-Code gut sichtbar angebracht sein, um dem Betrachter es möglichst einfach zu machen, dem WeChat Kanal zu folgen- besonders auf Plakaten. Und natürlich Inhalt. Viel Inhalt. Wenn da nicht viel steht, hast du auch nicht viel zu bieten. Auf Websites zeigt sich dies dadurch, dass es kaum „white spaces“ gibt. Die Navigation auf Websites erscheint verhältnismäßig verschachtelt und oft gibt es mehrfache Navigationsangebote. Hauptmenüs verlinken häufig auf neue Fenster, dem Nutzer werden mehr Angebote gemacht und er muss/darf dann selbst entscheiden, wie er weitergeht, während auf westlichen Websites stärker geführt wird. Eine Quelle hatte ich entdeckt, auf der ein Zusammenhang dieser Thematik zur Sprache dargestellt wird: www.webdesignerhub.com.

Angebote in Shopping Malls

China hat auch bei der Kauflust massiv nachgezogen. Dabei wird dies nicht als Widerspruch zu den sozialistischen Wurzeln gesehen. Online-Shopping-Websites, am beliebtesten tabao und JD, bieten alles und liefern teilweise innerhalb von zwei Stunden.  Kaufhäuser füllen die Innenstädte und ihr Angebot geht weit über klassische Boutiquen hinaus. In vielen Einkaufzentren finden sich Service-Anbieter, die als Zielgruppe speziell Kinder und deren Eltern ansprechen. So finden sich neben „normalen“ Vergnügungsangeboten wie dem Seifenblasenraum oder Spielzeugautofahren auch Buchläden, die Bücher anbieten, um einer Zielgruppe von 3-5-jährigen erste Programmierkenntnisse beizubringen. Außerdem findet man viele Anbieter, die die Kompetenz- und Talententwicklung von Kindern im Blick haben. Tanzklassen, Kampfsportschulen, aber auch Sprachtraining, Mal- und Pianoräume sind keine Seltenheit.

Sehr früh wachsen Kinder zudem mit allerlei digitalen Medien auf. Zweijährige, denen Lernvideos auf dem Handy bei der U-Bahn-Fahrt gezeigt werden oder Sprachtraining via Skype mit einem englischen Native Speaker in der Warteschlange zu einem Fest am Samstagmorgen sind des Öfteren zu beobachten.

Was sehen Sie denn so in deutschen U-Bahnen?

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